Fünf Stadien des Abstiegs

Elbblick mit HSV

DABDA

Der HSV ist ein wenig wie ein Patient im Princeton-Plainsboro Teaching Hospital, der dem Tode geweiht ist und sich damit abfinden muss. Sicherlich, der Chef der Diagnostik könnte noch einen Geistesblitz haben und den Patienten spektakulär in letzter Sekunde retten. Aber wie es sich für eine ordentliche Folge gehört, muss der vorher erst alle Stadien der Trauer durchlebt haben. DABDA. Denial, Anger, Bargaining, Depression und Acceptance.

Fünf Stadien wird der HSV in der Bundesliga dieser regulären Saison noch sehen. Fünf Stadien der Trauer unterscheidet Elisabeth Kübler-Ross. Hier sind sie nun also, die fünf Stadien der Trauer im Abstiegskampf.

1. Denial (Nichtwahrhabenwollen und Isolierung)

Der HSV ist unabsteigbar. Es ist immer gut gegangen, und es wird auch dieses Mal gut gehen. Und nächste Saison spielen wir dann wieder um die Champions League. Ohnehin – was wollt ihr eigentlich? Es ist doch eigentlich alles in Ordnung im Verein, und wir brauchen kein Geld von außen, so wie alle anderen. Schaffen wir halt das Stadion ab. Hauptsache, wir können bestimmen, wohin die Reise hingeht. Und die Reise geht erst dann in Liga zwei, wenn wir es sagen.

Wir sind schließlich der große HSV, uns kann keiner was. Uns kriegt keiner platt. Und eigentlich machen die da oben einen guten Job, wir hatten halt nur etwas Pech dieses Saison. Nur das Urgestein! Nur der Ligadino! Tradition!

2. Anger (Zorn)

Haltet endlich die Fresse! Ihr habt doch keine Ahnung, ihr macht nur der Verein kaputt! Keiner ist schuld daran, wenn die Spieler sich alle als Nulpen erweisen. Das kann man doch nicht ahnen! Und diese Scheiß-Spieler mit ihren Millionen, kein Herzblut, keine Bindung zum Verein. Sauerei! Wenn ich sage, dass ihr laufen sollt, dann lauft ihr gefälligst! Das sind doch alles Söldner, die interessiert so ein Abstieg doch gar nicht. Frechheit. Halt die Fresse! Komm mir nicht mit Argumenten!

Mir ist es scheißegal, wie lange die arbeiten. Ehrlich. Das hätte ich auch gekonnt, da braucht man ja nicht mal trainieren für! Hier, unser Ex-Stürmer, der hätte jetzt genetzt, wenn wir den nicht verkauft hätten! Ich schrei jetzt einfach mal seinen Namen. Wie, das hilft der Mannschaft nicht? DU HAST KEIN RECHT, MICH ZU KRITISIEREN! Ach komm, halt einfach dein Maul, du weißt gar nix.

3. Bargaining (Verhandeln)

Hmmm. Wenn wir jetzt noch drei Unentschieden holen, und wenn die anderen ihre Punkte auch liegen lassen, dann reicht es vielleicht wenigstens noch für die Relegation. Da könnten wir uns dann ja noch retten. Das Spiel gegen die da oben können wir eh nur verlieren. Und die Gegner der anderen sind bestimmt auch motiviert. Außerdem lässt zum Ende der Saison auch bei den anderen die Anspannung nach, und dann schaffen wir es ja vielleicht wenigstens noch über die Tordifferenz? Lasst uns doch wenigstens die Relegation, mehr verlangen wir ja gar nicht …

Wir beißen auch in den sauren Apfel und geben unsere Nachwuchsmannschaft ab, damit wir drin bleiben können. Und spielen die nächsten Jahre gerne im Mittelfeld. Kein Problem. Nur absteigen bitte nicht, okay?

4. Depression

Das ist also der Abstieg. Das ist alles so traurig. So leer. Der Verein steigt ab, die Uhr kommt weg, und ein neues Maskottchen brauchen wir auch. Bestimmt gehen alle Spieler weg, und wir kommen nie wieder hoch. Das Stadion wird auch sehr leer sein, und wer will schon montags Fußball sehen? Ich weiß nicht, ob ich mir das noch antun will.

Vielleicht sollte ich die Dauerkarte kündigen. Die wird bestimmt trotz zweiter Liga nicht günstiger. Stimmung im Stadion war ja eh schon scheiße in den letzten Wochen. Ich sollte mir ein neues Hobby suchen. Die Eishockey-Jungs machen sich ganz gut diese Saison, können sogar Meister werden. Oder der neue Basketball-Verein? Wäre ja auch was … Das ist alles so schlimm. Ich mag nimmer. Ich leg mich jetzt ins Bett und komm dann in einem Jahr wieder raus …

5. Acceptance (Akzeptanz)

Nun ist es also so weit. Es erwischt das letzte Gründungsmitglied der Bundesliga. Im Grunde genommen war es ja nur eine Frage der Zeit, bis es so weit kommt. Jeder ist mal dran, wie es so schön heißt, und es hatte sich ja bereits über die letzten Jahre abgezeichnet. Aber das hat auch was Gutes.

Die zweite Liga bietet die Chance, sich zu konsolidieren. Zumindest für eine Saison sollte sich der Großteil des Kaders halten lassen, um so einen direkten Wiederaufstieg zu bewerkstelligen. Und gleichzeitig können wir mit dem großen Besen durchgehen. Den Profifußball wirtschaftlich gut aufstellen. Ein Fundament für die Entwicklung schaffen. Sogar die Jugendarbeit weiter vorantreiben – auch wenn uns dafür dann gegebenenfalls die U23 in Zukunft fehlt. Die Köpfe an der Spitze werden ersetzt werden, auch wenn man mit dem einen oder anderen weiterhin leben muss. Der Umbruch muss endlich kommen.

Die ganzen Besserfans werden sich Stück für Stück verkrümeln, weil es halt doch nicht so spannend ist, gegen Sandhausen und Ingolstadt am Montagabend zu spielen. Sie werden die Chance haben, sich bei einem anderen Verein nach „Tradition“ umzusehen, die sie im überwiegenden Fall gar nicht kennengelernt haben, weil sie damals™ noch Quark im Kühlregal waren. Die echten Fans werden sich herauskristallisieren, die mit der Raute im Herzen, und die werden den Verein wieder mit aufbauen, wie es sich gehört. Als Fans. Nicht als Vereinslenker.

Die Uhr kommt endlich weg. Das Gelaber vom Ligadino. Der Unabsteigbar-Mythos. Die Last, die auf den Schultern von Spielern lastet, die nicht einmal halb so alt sind wie diese Bundesliga. Eine Last, die den Verein seit Jahren erdrückt, zusätzlich zu den irrwitzigen Entscheidungen der gewählten Mitgliedervertreter. Der Aufsichtsrat des Vereins wird sich in der Bedeutungslosigkeit verlieren, der Aufsichtsrat einer AG im Schweigen.

Die Presse in der Hansestadt wird merken, dass es sich über einen Zweitligaverein deutlich unangenehmer schreibt, als über einen Erstligaverein. Dass der Bedeutungsverlust der Tagespresse im Sport weiter auf die Auflage drücken wird. Dass es vielleicht doch nicht so toll ist, Mitarbeiter nach Belieben in den Verein und wieder hinaus zu schreiben. Dass Gemecker und zu hohe Ansprüche sich nicht mit einem gesunden Verein in der eigenen Stadt vertragen. Der Pyrrhussieg wird sie treffen, mehr oder weniger hart. Der Blick wird neidisch in andere Städte gehen, in denen besser mit den Vereinen gearbeitet wird. Lokalpatriotismus gezeigt wird. Und so letztlich auch für die Ruhe gesorgt wird, die so ein Verein im Abstiegskampf braucht. Ja, sogar an der Weser funktioniert das.

Diese Einsicht wird dann zumindest so lange anhalten, bis der HSV wieder in der ersten Liga spielt.

#nachvorn

Aber ach, was schreibe ich? Wir sind doch der HSV! Wir sind unabsteigbar, und da an der Ecke lehnt schon Gregory House, mit einem Grinsen im Gesicht, weil ihm gerade die rettende Idee gekommen ist, als er mit dem Motorrad über die Schanze kachelte.

Kopf hoch, Schultern gerade, Blick geradeaus! Das ist unsere Haltung. Und das ist wo wir hin wollen. Nach vorn!


(Nach vorn auf YouTube)

#nurderHSV!